Viele meiner Patienten sind überrascht, wenn ich ihnen sage, dass ihre Nieren nicht mehr richtig arbeiten – oft ohne Beschwerden. Die eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate) ist der wichtigste Laborparameter, um die Nierenfunktion frühzeitig zu erkennen. In meiner Praxis an der Charité Berlin sehe ich täglich, wie dieser Wert Leben verändern kann.
Was ist die eGFR?
Die eGFR berechnet, wie viel Blut Ihre Nieren pro Minute filtern. Die Abkürzung steht für „estimated Glomerular Filtration Rate“ – auf Deutsch die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate. Gemessen wird sie indirekt über den Kreatininwert im Blut, Ihr Alter, Geschlecht und manchmal Ihre Hautfarbe.
Normwerte der eGFR nach Alter und Geschlecht
Die Nierenfunktion nimmt natürlicherweise mit dem Alter ab. Nachfolgend finden Sie die typischen Referenzbereiche. Bitte beachten Sie: Leichte Abweichungen sind oft harmlos, wiederholt niedrige Werte müssen abgeklärt werden.
| Alter (Jahre) | Männer (ml/min/1,73 m²) | Frauen (ml/min/1,73 m²) |
|---|---|---|
| 20–30 | 116–130 | 107–120 |
| 30–40 | 105–125 | 97–115 |
| 40–50 | 95–125 | 87–115 |
| 50–60 | 85–115 | 77–105 |
| 60–70 | 75–105 | 67–95 |
| über 70 | < 90 | < 80 |
Tabelle: Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate. Werte gelten für die CKD-EPI-Formel. Quelle: Deutsche Gesellschaft für Nephrologie.
Was bedeuten die eGFR-Stadien?
Die internationale Einteilung der chronischen Nierenerkrankung (CKD) erfolgt in fünf Stadien:
- Stadium 1: eGFR ≥ 90 ml/min – normale Funktion, aber z. B. Eiweiß im Urin
- Stadium 2: eGFR 60–89 – leichte Einschränkung
- Stadium 3a: eGFR 45–59 – mäßige Einschränkung
- Stadium 3b: eGFR 30–44 – fortgeschrittene Einschränkung
- Stadium 4: eGFR 15–29 – schwere Einschränkung
- Stadium 5: eGFR < 15 – Nierenversagen, oft Dialyse
Warum sinkt die eGFR?
Die häufigsten Ursachen sind Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Nierenentzündungen (Glomerulonephritis) oder eine Nierenschädigung durch Medikamente wie nichtsteroidale Antirheumatika (Ibuprofen, Diclofenac). Auch eine starke Austrocknung oder Herzinsuffizienz können den Wert vorübergehend senken.
eGFR zu niedrig – was tun?
Ein einmalig erniedrigter Wert ist noch kein Grund zur Sorge. In meiner Praxis wiederhole ich die Messung meist nach zwei Wochen. Bleibt der Wert niedrig, folgen eine Urinanalyse und ein Nierenultraschall. Entscheidend ist die Behandlung der Grunderkrankung: Blutdruck einstellen, Blutzucker kontrollieren, auf salz- und phosphatreiche Nahrung verzichten.
eGFR in der Schwangerschaft
Bei Schwangeren steigt die eGFR normalerweise um 30–50% an, da die Nieren stärker durchblutet werden. Ein Wert unter 90 ml/min kann auf eine Präeklampsie oder Nierenschädigung hinweisen – bitte immer den Frauenarzt oder Nephrologen einschalten.
Kann man die eGFR verbessern?
Ja, oft mit einfachen Maßnahmen: ausreichend trinken (1,5–2 Liter täglich), Blutdruck unter 130/80 mmHg halten, auf Rauchen verzichten und bei Diabetes den HbA1c unter 7%. Meine Patienten mit beginnender Niereninsuffizienz profitieren enorm von einer Ernährungsumstellung mit weniger tierischem Eiweiß.
eGFR und Medikamente
Viele Arzneimittel werden über die Niere ausgeschieden. Bei eingeschränkter Nierenfunktion (eGFR unter 30) müssen beispielsweise Metformin, bestimmte Antibiotika oder ACE-Hemmer reduziert werden. Ihr Arzt sollte bei jedem neuen Rezept Ihre eGFR prüfen – darauf achte ich besonders bei älteren Patienten.
Fazit aus der Praxis
Die eGFR ist ein unscheinbarer Blutwert mit großer Aussagekraft. Lassen Sie ihn mindestens einmal jährlich bestimmen, besonders wenn Sie über 60 sind oder Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes haben. Ein gesunder Lebensstil schützt Ihre Nieren – oft besser als jedes Medikament.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet ein eGFR-Wert unter 60?
Eine eGFR unter 60 ml/min/1,73 m² weist auf eine mäßig eingeschränkte Nierenfunktion hin (Stadium 3). Dies bedeutet, dass Ihre Nieren nur noch etwa die Hälfte der normalen Filtrationsleistung erbringen. Viele Patienten haben noch keine Symptome, dennoch sollte die Ursache ärztlich abgeklärt werden. In meiner Praxis leite ich dann eine Urinuntersuchung und eine Blutdruckkontrolle ein.
Wie oft sollte ich die eGFR kontrollieren lassen?
Für gesunde Erwachsene unter 50 Jahren reicht eine jährliche Bestimmung im Rahmen des Gesundheitscheck-ups. Bei Risikopatienten – etwa mit Bluthochdruck, Diabetes oder familiärer Nierenerkrankung – empfehle ich alle sechs Monate eine Kontrolle. Bei bekannter chronischer Nierenerkrankung erfolgt die Messung nach ärztlicher Anweisung, meist alle drei bis sechs Monate.
Kann die eGFR durch Medikamente steigen?
Nein, Medikamente steigern die eGFR nicht direkt. Eine Ausnahme sind manche blutdrucksenkende Mittel (ACE-Hemmer, AT1-Blocker), die über eine Entlastung der Nierenkörperchen die Nierenfunktion langfristig schützen. Kurzfristig kann die eGFR sogar leicht sinken – das ist normal. Eine Verbesserung der eGFR erreicht man vor allem durch Behandlung der Grunderkrankung und Lebensstiländerung.
Über eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate)
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