Ein Patient mit rezidivierenden Hypoglykämien – das ist eine Situation, die mir in der Praxis häufig begegnet. Der Glukagonspiegel gibt Aufschluss über die Funktionsfähigkeit der Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse. In diesem Artikel erkläre ich Ihnen als Internist der Charité Berlin, wann und warum wir den Glukagon-Wert bestimmen, welche Referenzbereiche gelten und was erhöhte oder erniedrigte Werte bedeuten.
Was ist Glukagon (GCG)?
Glukagon ist ein Peptidhormon, das in den Alpha-Zellen der Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse produziert wird. Seine Hauptaufgabe ist die Gegenregulation zur Insulinwirkung: Es steigert die Blutzuckerkonzentration, indem es die Glykogenolyse in der Leber anregt und die Glukoneogenese fördert. Der standardisierte LOINC-Code für Glukagon im Serum ist 2923-2.
Wann wird der Glukagon-Wert bestimmt?
In meiner klinischen Praxis ordne ich die Messung vor allem bei folgenden Fragestellungen an:
- Unklare Hypoglykämien (z. B. bei Verdacht auf Insulinom oder Nesidioblastose)
- Verdacht auf Glukagonom (ein seltener, meist maligner Tumor der Alpha-Zellen)
- Abklärung von Diabetes-mellitus-Formen, insbesondere Typ-1-Diabetes mit reduzierter Alpha-Zell-Funktion
- Überwachung nach Pankreaschirurgie
Referenzbereiche für Glukagon (im Serum/Plasma)
Die Normwerte können je nach Labor und Messmethode leicht variieren. Folgende Tabelle gibt die typischen Referenzbereiche in pg/mL (ng/L) an:
| Altersgruppe | Geschlecht | Normwert (pg/mL) |
|---|---|---|
| Erwachsene (18–60 Jahre) | Männlich & Weiblich | 15–90 |
| Erwachsene (> 60 Jahre) | Männlich & Weiblich | 20–100 |
| Kinder (1–12 Jahre) | Männlich & Weiblich | 15–80 |
| Neugeborene (0–1 Jahr) | Männlich & Weiblich | 20–120 |
Hinweis: Nüchternbestimmung ist erforderlich. Ein normaler Nüchternwert schließt eine pathologische Glukagonsekretion nicht sicher aus – dynamische Tests (z. B. nach arginin- oder glukosebelastung) können notwendig sein.
Erhöhte Glukagon-Werte – Ursachen und Bedeutung
Ein erhöhter Glukagonspiegel kann auf verschiedene Erkrankungen hinweisen:
Glukagonom
Dieser seltene neuroendokrine Tumor führt zu exzessiver Glukagon-Produktion. Leitsymptome sind ein nekrolytisches migratorisches Erythem (Hautausschlag), Gewichtsverlust, Diabetes mellitus und eine tiefe Venenthrombose. Im Labor zeigt sich ein massiv erhöhter Glukagon-Wert (> 500 pg/mL).
Diabetes mellitus (schlecht eingestellter Typ-1-Diabetes)
Bei langanhaltendem Insulinmangel (z. B. bei Ketoazidose) kommt es zu einer überschießenden Glukagonsekretion – die Alpha-Zellen werden durch fehlendes Insulin nicht ausreichend gehemmt. Werte bis 200 pg/mL sind dann möglich.
Leberzirrhose
Die gestörte hepatische Inaktivierung des Glukagons bei Lebererkrankungen führt zu moderat erhöhten Spiegeln.
Erniedrigte Glukagon-Werte – Ursachen und Bedeutung
Ein zu niedriger Glukagonspiegel kommt seltener vor. Mögliche Ursachen:
Pankreasinsuffizienz (exokrine oder endokrine)
Nach Pankreatektomie oder bei chronischer Pankreatitis kann die Alpha-Zell-Masse reduziert sein. Meist liegen dann auch niedrige Insulin- und C-Peptid-Spiegel vor.
Autoimmunerkrankungen
Seltene Fälle von Anti-Alpha-Zell-Antikörpern führen zu einer Zerstörung der Alpha-Zellen – ähnlich wie beim Typ-1-Diabetes für die Beta-Zellen.
Glukagon während der Schwangerschaft
In der Schwangerschaft steigt der Glukagonspiegel physiologisch leicht an (bis etwa 120 pg/mL im dritten Trimester). Dies dient der Sicherstellung einer ausreichenden Glukoseversorgung des Fetus. Ein ungewöhnlich hoher Wert sollte aber immer Anlass geben, nach einem Gestationsdiabetes oder einer zugrundeliegenden Pankreaspathologie zu suchen.
Glukagon und Insulin – das Zusammenspiel verstehen
Insulin senkt den Blutzucker, Glukagon hebt ihn an. Bei gesunden Menschen regulieren sich beide Hormone gegenseitig. Ein gestörtes Verhältnis (z. B. zu viel Insulin, zu wenig Glukagon) begünstigt Hypoglykämien. In meiner Praxis messe ich daher häufig sowohl Glukagon als auch Insulin und C-Peptid im Rahmen einer standardisierten Fasten- oder Belastungsuntersuchung.
Wie wird der Test durchgeführt?
Die Blutentnahme erfolgt meist morgens nüchtern (mindestens 8 Stunden Nahrungskarenz). Das Blut wird in ein EDTA-Röhrchen gegeben, zentrifugiert und das Plasma innerhalb von 2 Stunden eingefroren, da Glukagon bei Raumtemperatur schnell abgebaut wird. Die Analyse erfolgt mittels Radioimmunoassay (RIA) oder Immunchemilumineszenz.
Fazit aus internistischer Sicht
Der Glukagon-Wert ist ein wichtiger, aber leider oft vernachlässigter Parameter bei der Abklärung von Blutzuckerstörungen. Ein normales Glukagon schließt eine Alpha-Zell-Dysfunktion nicht aus – die klinische Beurteilung und ergänzende Stimulationstests sind entscheidend. Wenn Sie unklare hypoglykämische Episoden oder einen ungewöhnlichen Hautausschlag bemerken, zögern Sie nicht, Ihren Endokrinologen oder Hausarzt aufzusuchen. Eine frühzeitige Diagnose kann Leben retten.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet ein erhöhter Glukagon-Wert im Blut?
Ein erhöhter Glukagon-Wert (über 90–100 pg/mL) kann auf ein Glukagonom, einen schlecht eingestellten Diabetes mellitus oder eine Leberzirrhose hinweisen. In meiner Praxis sehe ich oft Werte über 500 pg/mL bei Glukagonomen – hier ist eine bildgebende Diagnostik und eine endokrinologische Abklärung dringend erforderlich.
Welche Symptome verursacht ein Glukagonom?
Ein Glukagonom zeigt sich typischerweise durch einen wandernden, juckenden Hautausschlag (nekrolytisches migratorisches Erythem), Gewichtsverlust, Durchfall, Zuckerkrankheit und venöse Thrombosen. Diese Kombination ist selten, aber alarmierend. Bei Verdacht sollte sofort der Glukagon-Spiegel gemessen werden.
Muss ich für die Glukagon-Blutabnahme nüchtern sein?
Ja, für eine zuverlässige Bestimmung des basalen Glukagons ist eine Nüchternperiode von mindestens 8 Stunden erforderlich. Essen oder Trinken (außer Wasser) kann die Werte verfälschen. Auch bestimmte Medikamente wie Kortison sollten vorher mit dem Arzt besprochen werden.
Was ist der Unterschied zwischen Glukagon und Insulin?
Insulin senkt den Blutzucker, indem es die Glukoseaufnahme in die Zellen fördert. Glukagon wirkt gegensätzlich: Es erhöht den Blutzucker, indem es die Freisetzung von Zucker aus der Leber anregt. Beide Hormone werden in der Bauchspeicheldrüse produziert – Insulin in den Beta-Zellen, Glukagon in den Alpha-Zellen. Ein gestörtes Gleichgewicht führt zu Blutzuckerschwankungen.
Über Glukagon (GCG)
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Wissenschaftliche Quellen & Referenzen
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